Wir sind die letzten Zeugen der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges. Wenn wir nicht mehr da sind – und immer mehr Personen aus meiner Generation nehmen Abschied vom Leben

– ist es leider sehr wahrscheinlich, dass viele Tatsachen verdreht werden. Das dürfen wir nicht zulassen – so Janina Luberda-Zapaśnik.

Bild: Gazeta Olsztyńska (http://gazetaolsztynska.pl/241966,Koszmar-Auschwitz-najgorszy-byl-ten-glod.html)

Janina Luberda-Zapaśnik ist am 4. August 1930 in Łopuszna (Kreis Nowy Targ) zur Welt gekommen. Sie ist Doktorin der Medizinwissenschaften sowie Fachfrau für Pädiatrie und Labordiagnostik. Sie ist auch Mitglied beim Polnischen Verein für Pädiatrie sowie Mitglied und Initiatorin der Gründung des Polnischen Vereins für Labordiagnostik. Seit der Gründung des Vereins im Jahre 1982 wurde sie dreimal zu dessen Vorsitzender gewählt. Für ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Arbeit wurde sie mit folgenden Auszeichnungen geehrt: „Für beispielhafte Arbeit im Gesundheitswesen“ und „Für die Verdienste für Ermland und Masuren“.

Janina Luberda-Zapaśnik ist außerdem die ehemalige Vorstandsvorsitzende der Polnischen Vereinigung der Ehemaligen Häftlinge der Politischen Gefängnisse und Konzentrationslager Hitlers im Bezirk Ermland-Masuren sowie die gegenwärtige Vorsitzende des Vereins „Patria Nostra“. Sie hat vor den internationalen Gerichten den Kampf begonnen, damit die ausländischen Medien den Gebrauch der Formulierung „polnische Vernichtungslager“ unterlassen. Ihr Leben lang kämpft sie um die historische Wahrheit über Konzentrationslager. Für diese Tätigkeit wurde sie vom Institut für Nationales Gedenken mit dem Preis „Zeugin der Geschichte“ ausgezeichnet.

Die deutschen Soldaten haben ihr Haus in der Ortschaft Kuchnia in der Nähe von Gniew mitten in der Nacht am 1. Juli 1941 betreten. Sie war damals das älteste Kind von Władysław und Maria. Elf Jahre alt war sie. Ihre Brüder waren noch klein und obwohl sie laut geweint haben, haben sie von diesem Besuch nichts verstanden. Stanisław war vier und Władysław zwei. An dieser Nacht musste sie ihre Brüder selbst beruhigen und anziehen. Ihre Mutter war vor Angst wie gelähmt und konnte sich kaum bewegen. Dabei war sie im letzten Monat Schwanger. Sie hatten keine Ahnung, wohin die Deutschen sie bringen wollten. Sie waren jedoch nicht allein. Aus dem Dorf wurden noch einige Familien mitgenommen. Kurz danach waren sie am Bahnhof angekommen, wo sie in die Güterwagen gedrängt wurden. Noch am selben Tag haben sie am Abend das Umsiedlungslager in Toruń erreicht, das in der ehemaligen Schmalzfabrik und Ölraffinerie „Standard“ in der Graudenstraße 124/126 gegründet wurde.

In „Szmalcówka“ erwarteten sie unmenschliche Bedingungen. Auf dem Beton liegender Stroh, voller Läuse und Flöhe, war das Bett. Es gab keine Sanitäranlagen. Als Toiletten dienten die ausgehobenen Gruben am Zaun, mit Brettern verdeckt. Die Häftlinge wurden zur Arbeit in den deutschen Fabriken und Betrieben ausgeliehen. Die Arbeit war sehr hart. Viele starben wegen Unterernährung, Krankheiten und schlechter Lebensbedingungen.

Sie bekamen so wenig zu essen, dass manche Eltern ihren Kindern sogar den Kaffeesatz gaben. Unter solchen Bedingungen ist Kazimierz, Janinas dritter Bruder zur Welt gekommen. Sie erinnert sich daran, dass eines Tages alle Häftlinge aus der Baracke auf den Hof getrieben wurden. Aus Desinfektionsgründen, wurde ihnen gesagt, und sie mussten alle bei minus 20 Gard von Morgen bis Abend draußen bleiben. An diesem Tag ist die Typhus-Epidemie ausgebrochen. Es starben sogar mehrere Personen am Tag. Später, als sie schon Medizin studierte wurde ihr klar, dass es sich damals um Zuchtläuse handelte, mit denen die Deutschen die Epidemie absichtlich hervorrufen wollten.

Ihre Mutter wurde schwer krank und so musste sie sich um den kleinen Kazimierz selbst kümmern. Sie fütterte ihm mit Kohlrübenbrühe, denn es gab nichts anderes. Er ist in ihren Armen vor Hunger gestorben, er war noch keine drei Monate alt.

Eines Tages, als ihre Mutter die ganze Zeit ohnmächtig war, hat sie den Lagerkommandanten gebeten, ihren Vater aus dem Arbeitslager Lebrechtsdorf (poln. Potulice) zu holen. Sobald der Vater erschienen ist, wurde Janina auch krank. Zum Glück konnte sie sich jedoch wieder erholen. An Typhus war aber auch der 5-jährige Stanisław erkrankt. Er war kurz nach Kazimierz gestorben. 1943 wurde die Familie ins Lager in Lebrechtsdorf verlegt. Janinas Mutter war wieder schwanger. Janina wurde damals zur Zwangsarbeit geschickt und hat deswegen ihre Schwester Helenka, die in Potulice zur Welt gekommen und kurz danach gestorben ist, nie gesehen. Nur der kleine Władek konnte das Lager überleben. Er war jedoch ganz allein. Nach einiger Zeit war er an Knochen- und Rückentuberkulose erkrankt. Luberda-Zapaśnik vermutet, dass er paramedizinischen Experimenten unterzogen werden musste. Er ist 1953 gestorben. Nur ihre Eltern konnten die Befreiung miterleben.

Janina Luberda-Zapaśnik hat die Klage gegen die deutsche Zeitschrift Focus wegen der Verwendung falscher Formulierungen „polnische Vernichtungslager“ in Bezug auf die Lager in Sobibor und Treblinka erhoben. Die Verteidigungslinie der deutschen Bevollmächtigten des Herausgebers von Focus Online beschränkte sich auf die Feststellung, dass die Verwendung des falschen Begriffes sich daraus ergab, dass der Inhalt der Pressemitteilung der DPA kopiert wurde. Die deutsche Redaktion vertritt weiterhin den Standpunkt, dass sich die Sache erledigt hat, denn nachdem beim polnischen Gericht die Klage erhoben wurde, wurde die falsche Formulierung von der Internetseite gelöscht.

Im Februar 2015 hat sich das Bezirksgericht Olsztyn der Meinung von Janina Luberda-Zapaśnik angeschlossen, dass es sich bei der nationalen Würde und der nationalen Identität um schutzbedürftige Werte handle und dass solche Feststellungen wie „polnische Konzentrationslager“ oder „polnische Vernichtungslager“ unzulässig seien.

Die Tatsache, dass die polnische Zuständigkeit für derartige Verfahren vom Gericht bestätigt wurde sowie die Tatsache, dass die nationale Würde und die nationale Identität vom Gericht auch im Sinne des polnischen Zivilgesetzbuches als rechtschutzpflichtige Werte anerkannt wurden, lässt Optimismus schöpfen.

Bild: Express Olsztyn. Janina Luberda-Zapaśnik und Rechtsberater Lech Obara.
Janina Luberda-Zapaśnik