„Ich empfinde tiefe Scham angesichts der barbarischen Verbrechen, die hier von Deutschen verübt wurden“. Diese heutigen Worte der Bundeskanzlerin Angela Merkel, auf dem Gebiet des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz während der Gedenkfeier zum 10. Jahrestag der Stiftung Auschwitz-Birkenau gesprochen, sind ein großer Erfolg von zwei polnischen Vereinen – dem Patria Nostra Verein und der Polnischen Vereinigung der Ehemaligen Häftlinge der Politischen Gefängnisse und Konzentrationslager Hitlers.

Nochmals zur Erinnerung. In dieser Woche hat der Patria Nostra Verein, unterstützt von dem 95-jährigen Stanisław Zalewski, dem ehemaligen Häftling im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und heutigen Vorsitzenden der Polnischen Vereinigung der Ehemaligen Häftlinge der Politischen Gefängnisse und Konzentrationslager Hitlers, eine Petition an die Bundeskanzlerin gerichtet. Diese Petition wurde von einigen Tausend Menschen unterschrieben. Sie betraf die Rede von Angela Merkel, die während der heutigen Gedenkfeier in Auschwitz gehalten wurde.

– Die gesellschaftlichen, juristischen und bürgerlichen Kreise (…) haben mit Anerkennung Ihre Entscheidung zur Kenntnis genommen, als die dritte deutsche Bundeskanzlerin in der Folge – nach Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) – kurz vor Beendigung Ihrer Amtszeit den Ort zu besuchen, der für die Polen eine besondere Bedeutung hat – das deutsche NS-Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

(…)

Die Historiker aus verschiedenen Ländern haben die Entstehungsgeschichte der Konzentrationslager sehr detailliert beschrieben und haben bestätigt, dass in den von den Deutschen errichteten Konzentrationslagern außen den Juden auch die Polen und Opfer anderer Nationalitäten vernichtet wurden.Daher sind wir sehr traurig darüber, dass historisch gesehen falsche und für die Polen auch beleidigende Formulierung „polnische Vernichtungslager“ immer wieder in verschiedenen Aussagen und Veröffentlichungen auch in Deutschland verwendet wird.

Daher hat der Patria Nostra Verein, der seit mehreren Jahren gegen die Geschichtsfälschung kämpft, auch im Zusammenhang mit der beleidigenden Bezeichnung „polnisches Vernichtungslager“ oder „polnisches Konzentrationslager“ eine Petition an Sie gerichtet. Wir würden dies als Ausdruck der höchsten Verantwortung Ihrerseits und als Ausdruck von Verständnis für die schwierige und komplizierte Geschichte Deutschlands und des ganzen Kontinents ansehen, wenn Sie in Ihrer Rede diesen äußerst wichtigen Unterschied betonen würden. Es hat keine „polnischen Vernichtungslager“ gegeben. Bei dieser Bezeichnung handelt es sich um eine historische Lüge und einen falschen Geschichtscode, mit dem im Bewusstsein von Personen, die darauf gestoßen sind, eine falsche Überzeugung von den Tätern, die den millionenfachen Mord in den Konzentrationslagern zu verantworten haben, eingeprägt wird – das haben wir u.a. in unserer Petition geschrieben.

Diese Petition haben wir auch zur Kenntnisnahme an die Medien, die polnischen Parlamentarier, das Auswärtige Amt sowie an den Bundestag und die DPA gesendet.

Mit großem Interesse haben wir auf die Rede von Angela Merkel gewartet. Und wir wurden nicht enttäuscht. Die Bundeskanzlerin hat heute in Auschwitz Worte gesagt, auf die wir sehr gehofft haben.

– Oświęcim liegt in Polen, aber 1939 wurde Auschwitz als Teil des Deutschen Reiches annektiert. Auschwitz war ein deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager. Es ist wichtig, diese Tatsache zu betonen. Es ist wichtig, die Täter deutlich zu benennen.

Und dennoch, so schwer es an diesem Ort, der wie kein anderer für das größte Menschheitsverbrechen steht, auffällt, Schweigen darf nicht unsere einzige Antwort sein. Dieser Ort verpflichtet uns, die Erinnerung wach zu halten. Wir müssen uns an die Verbrechen erinnern, die hier begangen wurden, und sie klar benennen.

Auschwitz, dieser Name steht für den millionenfachen Mord an den Jüdinnen und Juden Europas, für den Zivilisationsbruch der Shoah, dem sämtliche menschlichen Werte zum Opfer fielen. Auschwitz steht auch für den Völkermord an den Sinti und Roma Europas, für das Leid und die Ermordung von politischen Gefangenen und Vertretern der Intelligenz in Polen, von Widerstandskämpfern, von Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion und anderen Ländern, von Homosexuellen, von Menschen mit Behinderungen, sowie unzähligen anderen Menschen aus ganz Europa.

Das Leiden der Menschen in Auschwitz, ihr Tod in den Gaskammern, Hunger, Kälte, Seuchen, qualvolle pseudomedizinische Versuche, Zwangsarbeit bis zur völligen Erschöpfung, was hier geschah, lässt sich mit Menschenverstand nicht erfassen.

Offiziell trägt dieser Ort heute den Namen Auschwitz-Birkenau – deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager. Dieser Name ist wichtig als voller Name. Oświęcim liegt in Polen, aber im Oktober 1939 wurde Auschwitz als Teil des Deutschen Reiches annektiert. Auschwitz war ein deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager. Es ist mir wichtig, diese Tatsache zu betonen. Es ist wichtig, die Täter deutlich zu benennen. Das sind wir, Deutschen, den Opfern schuldig, und uns selbst – erklärte die Bundeskanzlerin heute.

Für den Patria Nostra Verein

Lech Obara

Vorsitzender des Vereins

Für die Polnische Vereinigung der Ehemaligen Häftlinge der Politischen Gefängnisse und Konzentrationslager Hitlers

Stanisław Zalewski, Vorsitzender.